Kurzbeschreibung: "Leinwandmesser"
Leinwandmesser, früher ein berühmtes Trabrennpferd, durchlebt noch einmal die Stationen seiner Karriere: die unbeschwerte Kindheit auf dem Gestüt, die Ablehnung und Ausgrenzung in der Jugend, den Erfolg auf der Rennbahn, die Demütigung, nur als Inventar betrachtet zu werden, die Trauer über das Altwerden.
Als fröhliches Fohlen geboren, macht ein Makel ihn von Anfang an zum Außenseiter: er ist scheckig und damit minderwertig. Er wird abgelehnt, weil er anders ist, und das nicht nur von den Menschen, sondern auch von seinesgleichen, der Herde. Er kann es nicht verstehen, fühlt er sich doch als Pferd und nicht als "Schecke". Dabei ist er ein genau so gutes Pferd wie die anderen, ja besser noch - sein ausgreifender, präziser Gang ist einzigartig. Doch er wird verschenkt, verkauft, zu Höchstleistungen angespornt, mißhandelt, weiterverkauft; die Herren und Besitzer wechseln. Leinwandmesser fragt sich, warum die Menschen ihn, ein lebendiges Pferd, ihr Eigentum nennen. Die Worte "mein Pferd" kommen ihm ebenso absonderlich vor wie die Worte: "mein Land, meine Luft, mein Wasser". Er kommt zu dem Schluß: "Die Menschen streben durchaus nicht danach, das zu tun, was sie selbst als gut bezeichnen, sondern sind nur darauf bedacht, möglichst viele Dinge ihr Eigen zu nennen."
Bis zuletzt ist Leinwandmesser den Menschen auf seine Weise von Nutzen. Sogar sein Kadaver kann noch verwertet werden, während seine Herren und Besitzer, deren Lebensziel Profit, Vergnügen und Genuss war, ihr Dasein als physische und moralische Wracks beschließen.
Durch die verfremdende Sicht eines Tieres erscheinen die menschliche Gesellschaft und ihre Gesetze neu und im Grunde inhuman. Tolstoi beschreibt mit psychologischer Intuition Aufstieg und Fall, Glück und Niedergang eines Pferdes und schafft so eine große Metapher des Lebens. |